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Etwas Küchentisch-Psychologie

03.08.2019

Kürzlich habe ich ein Kind gehört, das ganz geläufig von „meinen Rechten“ sprach. Soziologische und psychologische Begriffe sind also schon bei Grundschulkindern angekommen. Von da an begleiten sie uns und als Erwachsene reden wir souverän von „Bedürfnissen“, „Erwartungsdruck“, „Abgrenzung“, „Selbstachtung“ oder „Traumata“. 

 

Eines dieser Fachworte gebrauchen wir gerne, doch ich frage mich, ob es nicht oft Problem verdeckt und verstärkt, statt sie zu lösen. Ich meine das Wort „Verletzung“.

 

Oft denken, hören oder sagen wir ja: „Das ist verletzend! - - Ich bin verletzt“. Wir meinen damit, dass wir uns in unseren Rechten, Interessen oder Würde beeinträchtigt fühlen. Natürlich gibt es solche psychischen Verletzungen und es ist wichtig, sie so zu benennen. Doch mir scheint, das diese Diagnose auch in die Irre führen und Probleme zementieren kann. Denn die Deutung legt ja fest, dass es Täter und Opfer gibt, dass ich der Ankläger bin und der andere der Schuldige, dass es um langwierige „Heilung“ geht und „Narben“ zurückbleiben. Mich verletzt zu fühlen, kann Beziehungen also dauerhaft und einseitig unter ein negatives Vorzeichen stellen.

 

Wäre es da nicht gut, wenn wir ab auch mal eine andere Beschreibung wählen? Ich jedenfalls finde es befreiend, schmerzhafte Erfahrungen zu differenzieren und ich übe mich darin. Ich stelle fest, dass es für mich öfters um etwas anderes geht, als um eine Verletzung. So gibt auch diese Erfahrungen:
•    „Ich bin verärgert worden. - - Ich bin verärgert!“
•    „Ich bin gekränkt worden. - - Ich bin gekränkt!“
•    „Ich bin enttäuscht worden. - - Ich bin enttäuscht!“
•    „Mir ist Empörendes geschehen. - - Ich bin empört!“

 

Das alles hört sich nicht prickelnd an, und doch liegt darin viel Befreiendes. Wenn ich etwas als Verletzung deute, dann bin ich das Opfer und habe einen langen Heilungsprozess vor mir.  Doch wenn ich das differenziere, so kann ich auch anders reagieren: Wenn ich etwa feststelle, dass ich nicht verletzt bin, sondern verärgert – dann kann ich das oft schon am nächsten Tag abstreifen. Wenn ich merke „Ich bin nicht verletzt, sondern eher gekränkt“ – dann kann ich mich fragen: „Warum eigentlich? Warum war ich da so empfindlich?“ - und kann das leichter abhaken. Während in Verletztsein auch Resignation stecken kann, liegt in Empörung auch Kraft und Selbstbehauptung…. 

 

Natürlich gibt es Verletzungen. Und natürlich überlagern sich solche Erfahrungen. Verletzt zu werden ist selbst ärgerlich, kränkend und empörend zugleich. Doch mir hilft es, meine Erfahrungen und Gefühle auch mal anders zu beschreiben sein. Denn während durch die Diagnose „Verletzung“ Beziehungen oft dauerhaft belastet bleiben, ist Ärger schnell verraucht und Empörung verflüchtigt sich.


Wir Christen tun uns irgendwie oft schwer mit Gefühlen wie Ärger, Empörung oder auch Zorn. Das ist eigentlich erstaunlich, denn von Jesus lesen wir das ja öfters. Was wir aber von ihm nicht hören ist, dass er „verletzt“ war oder er sich vom Wohlverhalten anderer abhängig gemacht hat. Nachdem Petrus ihn verleugnet hatte, wollte Jesus von ihm keine Entschuldigung; er wollte nur hören, wie Petrus wirklich zu ihm steht. Ich will von Jesus solche Deutungsmuster lernen – bei denen ich selbst frei bleibe und auch anderen Freiheit gewähre.


Christian Pestel
 

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