Die Gemeinde-App

12.02.2020

Bei der Gemeindeversammlung im vergangenen September wurden die Auswirkungen des Konzepts der „Mitgliedschaft“ in unserer Gemeinde diskutiert. Die Anwesenden beschlossen fast einstimmig eine vom Ältestenrat vorgeschlagene Absichtserklärung.

 

Es gibt viele Abhandlungen, die sich aus verschieden Perspektiven mit diesem Thema beschäftigen. Ein Buch, das leicht zu lesen, interessant aber auch umstritten ist, ist Pastor Jonathan Leeman’s: "Church Membership: How the World Knows Who Represents Jesus". Ein anderes Buch, das fast jeder kennt, ist das des Autors Rick Warren: "Eine Kirche mit Vision".

 

Die Bibel ist nicht übermäßig explizit hinsichtlich der Organisation, Struktur und Funktionsweise einer christlichen Gemeinde und damit über die Anforderungen, die an ihre Mitglieder gestellt werden. Vor diesem Hintergrund erheben sich heutzutage Stimmen mit Argumenten, die wie der Schwanengesang den Untergang der Ortsgemeinde verkünden, wenn nicht anderer Strukturen oder experimenteller Modelle eingeführt würden, die mehr mit "unserer Zeit" übereinstimmen. Und hier betreten wir weichen Untergrund. 

 

Der Extremfall für die flexibelste und komfortabelste Struktur für eine "zeitgemäße" Gemeinde wäre wohl die App: "Meine virtuelle Gemeinde". 

 

Mit dieser App kann der Nutzer den Gottesdienst nach seiner Wahl konfigurieren: den Lobpreis (klassische Hymnen, Hillsong, lateinischer Rhythmus, Gospel, etc.), das Thema und den Ton der Predigt (konservativ, progressiv, charismatisch, etc.), die Dauer des Gottesdienstes und die Bezahlung der Opfergaben per Paypal. Für die Gestaltung des Pastors, der Ältesten und der Diakone kann der Benutzer so viele Avatare (oder Puppen) generieren, wie er will, entsprechend seiner bevorzugten Eigenschaften (Geschlecht, Rasse, Alter, Aussehen, etc.). Der Hauskreis und die Sonntagsschule folgen ähnlichen Konfigurationskriterien. 

 

Mit diesem Modell, wäre jede physische Versammlung der Mitglieder völlig überflüssig. 

Die einzige Voraussetzung, um Mitglied bei "Meine virtuelle Gemeinde" zu werden, ist die Registrierung mit Passwort und Benutzername. Natürlich, und selbst auf die Gefahr hin, etwas altmodisch und puritanisch zu sein, wäre den Benutzern das Benutzen von Namen, die gegen das Wesen der App verstoßen, d.h. Namen wie: Barbie, Womaneizer, Krisna oder Frodo nicht gestattet. Die Anwendung wäre völlig kostenlos, obwohl die Verwendung von Pop Ups für Werbung akzeptiert werden müsste. 

 

Ich nehme an, Ihr alle erkennt, wie grotesk das alles ist, aber die Wahrheit ist, dass solch ein extremes und lächerliches Beispiel manchmal mehr als offensichtlich zeigt, wie unvereinbar unsere weltlichen Bedürfnisse mit Gottes Absichten sind. 

 

Meiner Meinung nach bedeutet der Begriff Gemeinde, abgesehen von der besonderen Organisation und Struktur einer Gruppe von Menschen, eine Reihe von immateriellen Werten, die absolut nicht verhandelbar und zeitlos sind, weil sie von Jesus, unserem Herrn, festgelegt wurden. Und es ist gerade die Festigkeit und Zeitlosigkeit dieser Attribute, die die Identität und den Zweck der Ortsgemeinde zementieren (1 Tim 3,15).

 

Die Gemeinschaft soll als eine Gemeinschaft des Lebens erfahren werden, von Menschen, die nicht nur den Glauben, sondern auch Lebenserfahrungen teilen. Ich glaube, wenn wir die kollektive Erfahrung unseres Glaubens auf gelegentliche und etwas oberflächliche Begegnungen beschränken würden, könnte unsere Gemeinschaft am Ende durch eine App, ein kaltes Büro oder eine Bar ersetzt werden, was absolut konträr zu ihrem Wesen ist.

 

Emmanuel Buch, mein ehemaliger Pastor in Spanien, sagt, dass der Ausdruck "wir sind Gemeinde" dasselbe bedeuten muss wie "wir sind Familie": die Familie des Glaubens! (Gal 6,10) und dass: "Wenn die Mitglieder einer Gruppe als Brüder derselben geistlichen Familie wahrgenommen und aufgenommen werden und in der brüderlichen Erfahrung wachsen, freut sich der Vater, Christus wird verherrlicht und der Geist offenbart seine Kraft".

 

Ich will keine virtuelle Gemeinschaft. Ich will eine Familie. Ich wünsche mir eine Gemeinde vor Ort, in der ich mich mit anderen Brüdern in Christus integriert fühle, die ich als solche kennen und anerkennen darf, in der wir uns alle gegenseitig gebraucht und geliebt fühlen, in der ich umsorgt werde und für die ich sorgen kann, und kurz gesagt, in der wir alle als ein Leib zu einem Werkzeug des göttlichen Segens auf der Welt werden. 

 

Ich weiß nicht, ob ich zu viel will. Was willst du?

 

Möge der Herr Dich in diesem neuen Jahr segnen!

 

Mercedes Narros Fernández/ Diakonat Seelsorge
übersetzt von Harald Weimann
 
 

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