Übersehen, ignoriert, diffamiert - auch von uns?

Im Moment ist es ein wenig ruhiger im Konflikt zwischen Israel und der Hamas, es fliegen etwas weniger Raketen, aber leider müssen wir davon ausgehen, dass es auch wieder gewalttätiger und blutiger wird.


Diese Kampfpause möchte ich nutzen, um euren Blick auf die winzige Minderheit der palästinensischen (gläubigen) Christen zu richten. Zum Teil sind sie direkte Nachfahren der oströmisch-christlichen Bevölkerung aus der Zeit vor der muslimischen Eroberung im Jahr 637, zum Teil haben sie sich aus dem Islam bekehrt, einige auch in letzter Zeit, weil sie durch die brutale Gewalt im Namen des Islam ins Nachdenken gekommen sind.


Sie sind wenige (im Promille-Bereich – sie waren mal viele, aber die meisten sind ausgewandert), aber einige sind da, und sie versuchen, Zeugen für Jesus zu sein. Ihre Situation ist sehr, sehr schwierig. Zu sagen, dass sie zwischen allen Stühlen sitzen, ist ein viel zu friedliches Bild - sie stehen im Kreuzfeuer zwischen allen Fronten:

Die Israelis halten sie für Araber und potenzielle Terroristen. Die muslimischen Araber halten sie für Ungläubige und Agenten des Westens. Die westlichen Staaten dagegen scheinen nicht zu wissen, dass sie existieren. Dazu kommen dann noch Dinge wie das „Kairos-Dokument“, das angeblich für „die palästinensischen Christen“ spricht, aber klar antisemitisch die Agenda von Hamas und der iranischen Führung vertritt. Und so ignorieren die Christen im Westen die palästinensischen Christen oft, weil sie nicht recht wissen, ob sie sie nun zu “den Guten” oder “den Bösen” zählen sollen.


Stellt euch gläubige Christen in Gaza vor (es gibt zum Beispiel tatsächlich eine Baptistengemeinde in Gaza-Stadt!). Sie sind keine Antisemiten, sie wissen, dass die Juden Gottes geliebtes Volk sind - aber sie werden die bisherige Regierung Israels unter Ministerpräsident Netanjahu – die ganz neue Regierung hatte ja noch nicht viel Gelegenheit, Gutes oder Böses zu tun - eher mit der von König Ahas (“und er tat, was böse war in den Augen des Herrn”) als mit der von König David, dem Mann nach dem Herzen Gottes, vergleichen, denn sie sitzen mittendrin, wenn israelische Bomben und Raketen fallen, und das finden sie nicht gut. Mehrere Gemeindeglieder dieser Baptistengemeinde sind dabei schon ums Leben gekommen. Aber ihnen nun auch nur die geringste Sympathie für die Hamas zu unterstellen wäre infam – zumindest einer von ihnen wurde auch, vermutlich von der Hamas, ermordet. Und somit, siehe oben, scheinen alle Parteien sie in die Schublade derer zu stecken, die man für “die Bösen” hält.


Nur wenig besser ist die Situation der Christen im Westjordanland. Sie sind weniger unmittelbar von Bomben und extremer Armut bedroht, aber auch sie sind meist arm und perspektivlos und wissen sich von allen, den Israelis und den muslimischen Arabern, gehasst. Sehr erfreulich dagegen ist, dass es zunehmend Kontakte zwischen jüdisch-christlichen und arabisch-christlichen Gemeinden gibt: Man versucht, sich gegenseitig zu besuchen und gemeinsame Gottesdienste zu feiern. Beide Seiten berichten aber, dass sie selbst überrascht sind, wie schwer es ihnen fällt, offen auf die Glaubensgeschwister von der anderen Seite zuzugehen. Das Misstrauen sitzt sehr tief, und sie beten, dass Gott ihnen Kraft gibt, diesen Weg weiterzugehen.


Was können wir für die palästinensischen Christen im Heiligen Land tun? Sie möchten zunächst von uns, ihren Glaubensgeschwistern im Westen, überhaupt zur Kenntnis genommen werden.

Und sie bitten um unser Gebet - um Bewahrung im Krieg und dem daraus resultierenden Mangel an Essen, sauberem Wasser, medizinischer Versorgung, Bildungsmöglichkeiten für ihre Kinder etc., und darum, dass sie Friedensboten und Zeugen für Jesus sein können. Sie beten, dass Gott ihre Wunden heilt und ihnen Kraft für Schritte der Vergebung und Versöhnung gibt.


Wenn wir für Israel, den Nahen Osten und den Konflikt dort beten, dann lasst uns auch an unsere arabischen Glaubensgeschwister dort denken!


Dierk Evers


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