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Ein Aha-Moment

Wie einige von euch mitbekommen habe, studiere ich im Fernstudium nebenbei weiter Theologie und bin deshalb ab und zu für Präsenztage unterwegs. Der Austausch mit anderen Pastoren, Jugendreferenten, Gemeindemitarbeitern und den Dozenten ist immer wieder sehr wertvoll für mich. Dabei hatte ich neulich einen theologischen Aha-Moment, den ich hier einfach mal mit euch teile.


Es geht um die „Heilung der blutflüssigen Frau“, die in Markus 5, 21-43 (sowie Matthäus 9 und Lukas 8) steht. Jesus war umgeben von einer großen Menschenmenge und eigentlich auf dem Weg zum Haus des Synagogenvorstehers Jairus, um dessen Tochter zu heilen. Unterwegs kommt es dazu, dass Jesus mitten in der Menschenmenge auf einmal stehen bleibt und fragt: „Wer hat mein Gewand berührt?“ Die blutflüssige Frau gesteht, dass sie es war. Sie hatte sein Gewand berührt, weil sie dachte „wenn ich nur sein Gewand anrühre, werde ich geheilt werden.“ (V.28) Jesus sagt schließlich nichts weiter zu ihr, als „Tochter, dein Glaube hat dich geheilt. Geh in Frieden und sei gesund von deiner Plage!“ (V.34)


Ehrlich gesagt, diese Textstelle habe ich noch nie so richtig verstanden. Es erscheint mir irgendwie merkwürdig, dass da eine Frau nur die Kleidung von Jesus berührt und dann geheilt wird. Das ähnelt mir zu sehr einem Aberglauben und passt für mich nicht mit dem Glauben an den Gott der Bibel zusammen. Mir war zwar bewusst, dass diese Frau einen großen Glauben gehabt haben musste und ihre ganze Hoffnung auf Jesus gesetzt hat – er war ihre letzte Hoffnung, sie hatte ja schon alles versucht – aber bis ins letzte konnte ich das bisher nicht begreifen.


Jetzt kommt der AHA-Moment - was ich im Unterricht gelernt hab: im Hebräischen ist das Wort für (Gewand)Saum und Flügel das gleiche, kanaph. Manche Juden damals haben entsprechend die Verheißung auf den Messias in Maleachi 3,20 so verstanden, dass wenn der Messias kommt, ist Heilung unter seinem Saum.


Wenn ihr die Bibelübersetzungen vergleicht, werdet ihr feststellen, dass in diesem Vers das hebräische kanaph aber meist mit Flügel übersetzt wird: „Aber euch, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und Heilung ist unter ihren Flügeln.“ (Mal 3,20)


Die blutflüssige Frau hatte diese Verheißung auf den Messias sehr wörtlich genommen und wusste, wenn ich nur den Saum seines Gewandes berühre, dann bin ich geheilt. Das war also kein Aberglaube, sondern echter Glaube an die Heilige Schrift und die Macht des Messias. Sie hatte erkannt, dass dieser Wanderprediger, der da unterwegs ist und Menschen heilt, der Messias sein muss. Man beachte, dass dieses Ereignis in allen Evangelien relativ weit vorne steht, also zu einem Zeitpunkt wo viele noch nicht begriffen haben, wer Jesus ist. Aber diese Frau hat verstanden, wer Jesus ist. Ihre Handlung war somit Ausdruck ihres festen Vertrauens in Gott. Das spricht Jesus an, wenn er sagt „Dein Glaube hat dich geheilt.“ (Jesus sagt ja nicht: das Berühren meines Gewandsaums hat dich geheilt.)

Faszinierend, oder!? Auf einmal kann ich dieses Ereignis viel besser verstehen. Und bin wieder einmal beeindruckt, wie viel mehr man in der Bibel noch entdecken kann – obwohl ich diese Geschichte ja scheinbar in und auswendig kenne.


Andererseits – vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig, alles bis ins letzte theologisch zu verstehen, sondern viel wichtiger, unser absolutes Vertrauen in Gott und seine Macht zu setzen. So wie es diese leidende Frau getan hat. Wir dürfen unsere ganze Hoffnung auf Jesus setzen und er wird uns nicht enttäuschen.


Tabea Winarske

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