Leitartikel August / September 2021

“Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu.” (1.Kor 13,4-6)


Ein Ehepaar wird vom Chef des Mannes zum Essen eingeladen. Der Mann will seinem Boss gefallen, doch als er etwas zu zweiten Mal erzählt, tritt ihn seine Frau unter dem Tisch, um ihn zu warnen. Als er nicht reagiert, tritt sie noch einmal. Später, auf der Tanzfläche, fragt sie: „Warum hast du nicht reagiert? Ich habe dich doch 2x getreten!“ Er sagt, es sei nur 1x gewesen und er habe gleich aufgehört. Da merkten sie, dass sie wohl den Chef getroffen hat. Betreten gehen sie wieder an den Tisch, wo der Chef lächelnd sagt: „Machen sie sich keine Sorgen: Als ich merkte, dass es nicht mir galt, habe ich den Tritt weitergegeben.“


Was für eine tolle Haltung: Da ist jemand nicht verletzt oder empört, sondern fragt, was ihn angeht. Er lässt sich nicht treffen von dem, was nicht ihm gilt. Wieso fällt uns das oft so schwer? Wieso sind wir so schnell angeschossen und genervt, erbost und verletzt? - wenn ich das mal voraussetzen darf?


Mir scheint, das liegt oft auch an einem schwachen Selbstbewusstsein: Wer unsicher ist oder unzufrieden mit sich selbst, der reagiert schnell und stark auf Impulse von außen. Von Andersartigkeit, Ungeschicklichkeit oder Kritik, ist er gleich betroffen, irritiert und gekränkt. Wer aber Halt hat und seine Identität kennt, hat die Ruhe weg. Der kommt auch mit der Unsicherheit anderer klar und kann ihnen mit Wohlwollen begegnen.


„Die Liebe lässt sich nicht erbittern“, schreibt Paulus. Die Liebe ist sozusagen immun gegen das Böse! Sie gibt es nicht zurück, sondern federt es ab. Sie ist keine platte Replik auf das, was man ihr tut, sondern die Antwort einer gesicherten Persönlichkeit, die auch auf Schärfe oder Unrecht mit Verständnis und Wohlwollen reagieren kann.

Das ist sehr schön, aber die Frage ist: „Wie macht man das? Wie kann man so lieben – gerade wenn man unberechtigt getreten wird, wenn der andere nervt?“ Ein wesentlicher Teil der Antwort ist: Das lernt und kann der, der sich selbst geliebt weiß! Wer sich selbst sicher in Liebe gehalten weiß, der kann anderen so wohlwollend und liebevoll begegnen!


Dieser Liebe, die so wunderschön beschrieben wird, ist darum kein Ideal, das ich irgendwie erlernen müsste. Wir Christen werden daran erinnert, dass wir selbst so von Gott geliebt sind – das sehen wir doch an Jesus! „Er in seiner Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles.“ Und weil wir so gewollt und sicher gehalten sind, darum können wir anderen so begegnen: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, sie lässt sich nicht erbittern.“


Christian Pestel


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