Leitartikel Juni / Juli 2022

Meine Seele dürstet nach dir, Gott.


Ich kenne Lebensumstände, die anstrengend sind, ermüden, verzweifeln und Zweifel auferstehen lassen. Meine inneren Reserven sind dann verbraucht. Ich wandere umher - mit meinen Gedanken, Ängsten, Fragen, Gefühlen, Geschichten, meiner Unruhe.

Meine Seele ist wie vertrocknet. Wem kann ich das schon sagen?

Ich möchte doch so gerne „guten Grund unter meinen Füßen haben, unter meiner Seele“.

Es gibt Zufälle, die kommen von Gott. Da fällt mir etwas von ihm zu. Ich erinnere mich in meiner Zeit der „Dürre“ an einen Menschen, dem es ähnlich ging:

“Meine Seele dürstet nach dir, du lebendiger Gott.“ (nach Psalm 42,3)

Er kannte es: vertrocknet sein, Durst haben, „Wasser bekommen“, damit die Seele wieder auf blüht, sich entfaltet. Und er wusste, mit wem er darüber reden konnte.

Ich bleibe bei ihm stehen und lasse diese Begegnung wirken. Auf einmal bleibt jemand bei mir stehen: dieser lebendige Gott.

Mein Gesichtsfeld verändert sich, von meinen Lebensumständen zu ihm hin; mein „innerer Scheinwerfer“ bekommt eine neue Richtung. Er leuchtet nicht mehr meine „vertrocknete Seele“ aus, sondern ihn an.

Und er redet mit mir: Deine Seele dürstet nach mir? Was ist passiert? Was hat dich aus der Kurve geschleudert? Erzähl mir. Ich habe Zeit für dich. Du bist mir wichtig. Immer. Besonders jetzt.

Und ich beginne zu erzählen, beschreibe meine ausgetrocknete Seele, meine Sehnsucht nach „Wasser“, die sie wieder entfaltet.

Danke für deine Offenheit, Ehrlichkeit, höre ich ihn.

Und er dreht ganz vorsichtig meinen Kopf, hebt ihn. Wen siehst du da?

Ist das Jesus?

Ja, Jesus, mein Sohn, meine personifizierte Liebe. Meine Liebe, die nicht tot zu kriegen war und ist, die auferstanden ist, die aufsteht, um sich aufzumachen, z.B. zu dir, jetzt, zu deiner ausgetrockneten Seele. Um ihr „Wasser“ zu geben: meine Liebe, Zuwendung, Wertschätzung, Seine Gegenwart, die wieder „flügge“ macht.

Ich bin aufgeregt. Ich sehe ihn, wie er kommt, durch das Dickicht meiner ausgetrockneten Seele und spüre, wie er sie umarmt.

Ich höre ihn. Er hört mich. Ich rede von meiner inneren Dürre. Es tut mir so gut. Da liebt jemand mich, trotzdem, und gerade. Meine Seele wird entfaltet. Ich bekomme Lust, auch mich zu entfalten, mein Leben - in Zusammenarbeit mit ihm.


Und auf einmal fällt mir noch dies ein: „Ich bin bei euch alle Tage...“ (Matth. 28) Alle. Auch in diesen Tagen. Welch ein Zufall von oben.


Wir sitzen noch lange beieinander.


Peter Borchert


Gut zu lesen: Den ganzen Psalm 42 und Römer 8, 31 (für „uns“ setze ich „mir/mich“ ein.)


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