Leitartikel Juni/Juli 2021

"Und der Mann war erstaunt über sie [das Mädchen], schwieg aber still, bis er erkannt hätte, ob der Herr seine Reise habe gelingen lassen oder nicht.“

(1.Mose 24,21)


Eine der schönsten Begegnungen in der ganzen Bibel! Noch dazu eine Brautwerbung! Der Knecht Abrahams macht eine lange Reise, um für Isaak eine Frau zu suchen. Die Szene gilt heute vielen als unhaltbar, patriarchalisch, eine Kinder- und Zwangsheirat. Das 1. Buch Mose aber schildert diese Begegnung voller Respekt: Der Knecht Abrahams kommt vor eine fremde Stadt, er betet, dass Gott seinen Weg lenkt, und er wartet am Brunnen vor der Stadt. So viel hängt an seiner Mission, für Gottes Verheißung, durch Abrahams Nachkommen die ganze Welt zu segnen! Während er noch betet, kommt ein Mädchen zu dem Brunnen – und sie tut genau das, was er von Gott als Zeichen erbeten hatte: Sie schöpft für ihn Wasser und tränkt auch seine Kamele. Das wird einige Zeit gedauert haben, denn ein durstiges Kamel kann 200 Liter in 15 Minuten trinken! Ein wirklich fleißiges Mädchen! Und währenddessen bleibt der Knecht still und beobachtet, was geschieht. Erst dann nimmt er das als Zeichen Gottes und er beginnt mit der Brautwerbung für Isaak, seinen Herrn.

Wer mal kurz alle Vorurteile über andere Zeiten und Kulturen ablegt, der merkt, wie gut und schön diese Geschichte ist: Dieser Knecht hat einen großen Auftrag, für den er Gottes Führung braucht. Doch er erwartet dafür kein Wunder, sondern beobachtet eine alltägliche Szene – und er betet; er redet mit Gott darüber. Er ist auf der Hut, nicht seinen Wünschen zu erliegen und zu folgen, sondern er hält das Warten aus, bis Gottes Zeichen klar wird. Erst dann wird er aktiv und geht den Auftrag planmäßig an.

Ist es nicht das, was uns oft so schwerfällt? Haben wir nicht oft nur vage Vorstellungen davon, was Gott will? Und weil uns fehlende Klarheit nervös macht, machen wir viele Worte und entwickeln menschliche Ideen? Doch wie stark ist es, wenn jemand still wird, auf Gott schaut und abwartet! Dann handelt Gott und redet durch ganz normale Menschen! Dann wird der Alltag zu einer Szene, wie am Brunnen vor der Stadt, wo Menschen auftauchen - und auch manches Kamel - wo Gespräche stattfinden, die für uns zu Gottes Reden werden!

Gott lädt uns ein, aus seinem Wort zu lernen und ihn besser kennen zu lernen. Wir sollen sensibel zu werden für seine Führungen. Heute ist wieder ein Tag, an dem wir das einüben können. Durch Beten und Abwarten, durch Stille und Beobachten, durch Reden mit Gott und Menschen.

Christian Pestel


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